New York – Ninive

Vor NewYork
habe ich keine Angst, Herr.
Aber ich weiß,
du willst mich
nach Ninive schicken,
in das kleine Dorf im Sauerland,
wo sie dich seit Jahrhunderten
treu und brav verehren ..
Ausgerechnet dorthin,
wo die Nachbarn tuscheln,
wenn meine Freundin kommt,
wo sie Türken nicht leiden können
und Homosexuellen
die Fenster einschlagen.
Es ist so aussichtslos.
Nimm das Ticket zurück!
Ich habe einen Fisch verschluckt
und kann ihn nicht verdauen.

Zur gefälligen Kenntnisname

Ich bin nicht gekommen, um Sie zu bekehren
übrigens sind mir alle gescheiten Argumente verflogen
aller glänzender Zierat ist längst von mir abgefallen
ich bin wie ein Held in verlangsamtem Tempo
Ich werde Ihnen kein Loch in den Bauch reden,
Sie nicht fragen; was halten Sie von Merton
ich werde in der Diskussion nicht aufspringen wie ein Puter
mit dem roten Läppchen auf der Nase
auch nicht einherstolzieren wie ein Enterich im Oktober
keine Tränen fordern, die sich zu allem bekennen
Ihnen nicht die heilige Theologie ins Ohr gießen löffelweis
Ich werde mich einfach neben Sie setzen
und Ihnen mein Geheimnis anvertrauen:
dasss ich, ein Priester,
Gott glaube wie ein Kind

Beeilen wir uns

Beeilen wir uns die menschen zu lieben sie gehn so schnell
von ihnen bleiben schuhe und ein taubes telefon
nur was unwichtig ist schleppt sich wie eine kuh
das wichtigste ist so hastig dass es plötzlich geschieht
danach stille gewöhnlich also schier unerträglich
wie die reinheit schlichtestes kind der verzweiflung
wenn wir an jemanden denken und ohne ihn bleiben

Sei nicht sicher dass du zeit hast denn unsichere sicherheit
nimmt uns das gespür so wie jedes glück
gleichzeitig kommt wie pathos und humor
wie zwei leidenschaften immer schwächer sind als die eine
sie gehn so schnell von hier schweigen wie die drossel im juli
wie ein etwas ungestalter ton oder ein trockener gruß
um wirklich zu wissen schließen sie die augen
obwohl es riskanter ist geboren zu werden als zu sterben
lieben wir immer aufs neue zu wenig und ständig zu spät

Schreib nicht zu oft davon schreib ein für allemal
und du wirst sein wie ein delphin sanft und stark

Beeilen wir uns die menschen zu lieben sie gehn so schnell
und die die nicht gehn kommen nicht immer zurück
und nie ist es klar wenn man von liebe spricht
ist es die erste die letzte erste

Ich danke Dir einfach dafür, dass Du bist

Ich danke Dir einfach dafür, dass Du bist
dafür, dass Du in unseren Köpfen nicht Platz hast, denn sie sind zu logisch
dafür, dass Dich auch unsere Herzen nicht fassen, denn sie sind zu nervös
dafür, dass Du so nahe bist und so fern und in allem anders
dafür, dass Du schon entdeckt bist und noch unentdeckt
dass wir flüchten von Dir-zu Dir
dafür, dass wir nichts tun für Dich, aber alles dank Dir
dafür, dass, was ich nicht begreifen kann, dennoch nie eine Illusion ist
dafür, dass Du schweigst. Nur wir belesene Analphabeten
sind schnatterde Gänse

Tischner’s ausgesuchte Gedanken

Über mich selbst

  1. Manchmal muss ich darüber lachen, dass ich zuerst ein Mensch bin, dann Philosoph, dann lange, lange nichts und erst dann Priester.
  2. Ich möchte als jemand bertachtet werden, der eine bestimmte Denkart anbietet. Ich hätte es sogar lieber, in erster Linie als Denker angesehen zu werden und erst an zweiter Stelle als Priester, Geistlicher, der ein Opfer darbringt. Ich möchte vor allem den breiten Horizont des christlichen Denkens vertreten.
  3. Wenn ich meine Arbeit als Priester und Philosoph betrachte, dann ertappe ich mich dabei, dass ich in diesen vielen Jahren hauptsächlich an der menschlichen Hoffnung gearbeitet habe. An der Liebe anderer arbeitet der Mensch nicht, denn jeder muss selber an seiner Liebe arbeiten. Ehrlich gesagt, hat es ebenfalls wenig Sinn, am Glauben zu arbeiten, denn es ist Gottes Gnade: entweder man hat sie, oder – leider – nicht. An der menschlichen Hoffnung muss man hingegen vom Kindergarten an über die Schule bis hin zum Erwachsensein in verschiedenen Lebenssituationen immer arbeiten.
  4. Die Welt gefällt mir zu gut, als dass ich sie verändern möchte. Ich bin wie ein Arzt, der anstatt eine Krankheit zu heilen, seine Doktorarbeit über diese Krankheit schreibt.

Vom Glauben und Unglauben 

  1. Der Glaube ist im Grunde genommen eine traurige Notwendigkeit. Könnten wir über Wissen verfügen, bräuchten wir keinen Glauben. Das Problem liegt darin, dass wir kein Wissen erwerben können. Es gibt Dinge, die die Möglichkeiten des menschlichen Verstandes übersteigen. Es gibt Licht, das blendet. So ist es mit Gott.
  2. Es gibt zwei Wege, sich für Gott zu öffnen: Die einen brauchen dafür ein Unglück, die anderen – im Gegenteil – den Geschmack des Glücks. Die ersten suchen Gott, damit er sie aus ihrem Unglück errettet, die anderen – um ihn zu loben, und ihre Dankbarkeit für die Gabe des Daseins zum Ausdruck zu bringen. Die große Theologie wächst aus dem zweiten Motiv heraus sie ist eine Theologie der Dankbarkeit.
  3. Gott ist wie Musik, die dich zum Tanz einlädt. Du musst niemals – du kannst immer. Wenn du jedoch kannst, weißt, dass du kannst – dann wählst du und beginnst zu verstehen. Das Christentum sagt deutlich: Suche Gott in dir selbst. Er ist wirklich dort!
  4. Die Seele ist eine Dimension, die die Stimme Gottes empfängt und zum Echo verwandelt.

Der Mensch und seine Hoffnung

  1. Wir müssen jetzt den Menschen besser, tiefer verstehen, nicht nur, weil er weiterhin ein unergründliches Geheimnis ist, sondern ebenfalls deshalb, damit die Welt, in der der Mensch lebt, nicht eines schönen Tages explodiert.
  2. Sogar wenn „der Mensch tot ist“, wie manche Strukturalisten behaupten, so bedeutet es, dass er existierte, und wenn er existierte, dann bedeutet es, dass er wieder neu geboren werden kann.
  3. Der Mensch ist ein solcher Baum, der das Gute in sich spürt, deshalb will er keine schlechten Früchte tragen.
  4. Wir müssen in diesem Leben vieles tun. Aber wir müssen nichts Böses tun. Selbst wenn uns eine Macht, eine Angst, dazu treibt, Böses zu tun, dann kann sie uns nicht dazu zwingen, dieses Böse zu wollen. Umso weniger kann sie uns dazu zwingen, beim Wollen des Bösen zu verharren. In jedem Moment können wir uns über unsere bösen Gedanken erheben und alles neu beginnen.

© ZNAK, Kraków

Józef Tischner

Józef Tischner (1931-2000) – kath. Priester und Philosoph von internationalem Ruf. Professor an der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau. Mitbegründer und langjähriger Präsident des Internationalen Instituts für die Wissensschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Ausgezeichnet mit der höchsten staatlichen Auszeichnung Polens, dem Weißen Adler.

Von ihm habe ich sehr viel gelernt, wovon ich bis heute als Pfarrer, Seelsorger und bescheidener, angehender Theologe weiterhin profitiere.

Worte der Klugheit

Ein Tag ohne Gebet ist wie ein Himmel ohne Sonne, wie ein Garten ohne Blumen.

Nur für heute

Nur für heute will ich versuchen, diesen einen Tag zu leben – nicht mein ganzes Lebensproblem auf einmal anzupacken. Ich kann jetzt etwas tun, vor dem ich zurückschrecken würde, wenn ich das Gefühl hätte, ich müßte es mein ganzes Leben lang durchhalten.

Nur für heute will ich versuchen, glücklich zu sein, indem ich mir klarmache, daß mein Glück nicht davon abhängt, was andere tun oder sagen oder was um mich herum geschieht. Glück stellt sich ein, wenn ich mit mir in Frieden lebe.

Nur für heute will ich versuchen, mich auf das auszurichten, was ist – nicht erzwingen, daß sich alles nach meinen Wünschen richtet. Ich will meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit und meine Lebensumstände so annehmen wie sie kommen.

Nur für heute will ich auf meine körperliche Gesundheit achten, ich will meine Verstandeskräfte üben, ich will etwas Spirituelles lesen.

Nur für heute will ich jemandem etwas Gutes tun, ohne dabei entdeckt zu werden – wenn jemand davon erfährt, zählt es nicht. Ich werde mindestens eine Sache tun, die ich nicht gerne tue, und ich will meinem Nächsten einen kleinen Liebesdienst erweisen.

Nur für heute will ich mir ein Programm machen. Ich will es machen, auch wenn ich es vielleicht nicht ganze genau befolge. Vor zwei Plagen will ich mich retten: Hast und Unentschlossenheit.

Nur für heute will ich aufhören zu sagen: „Wenn ich Zeit hätte“. Ich werde nie für etwas „Zeit finden“, wenn ich Zeit haben will, muß ich sie mir nehmen.

Nur für heute will ich in Stille meditieren – mich dabei auf Gott, wie ich ihn verstehe, auf mich selbst und auf meinen Nächsten besinne. Ich will mich entspannen und nach Wahrheit suchen.

Nur für heute will ich keine Angst haben. Insbesondere werde ich mich nicht davor fürchten, glücklich zu sein – und mich an den guten, schönen und liebenswerten Dingen im Leben erfreuen.

Nur für heute will ich mich annehmen und nach meinen besten Kräften leben.

Die Milde ist unsere Stärke. Sie löst alle Schwierigkeiten und beseitigt jedes Hindernis.

Johannes XXIII

Angelo Giuseppe Roncalli wurde am 25. November 1881 in Sotto il Monte bei Bergamo in der Lombardei geboren. Am 28.10.1958 wurde er zum Papst gewählt und wählte den Namen Johannes XXIII. Papst Johannes starb am 3. Juni 1963 noch während des von ihm einberufenen II. Vatikanischen Konzils. Im September 2000 wurde er von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.